Kinder bestrafen – ja oder nein?

Kinder bestrafen - Anja Josten

Das Wort Strafe klingt gewaltvoll, ist häufig manipulativ und ist in der heutigen Erziehung oft verpönt. Kinder bestrafen – nein danke! Aber es braucht Regeln für Kinder, sie sind sogar sehr wichtig. Eltern haben oft Angst und sind unsicher, wie sie damit umgehen. In diesem kurzen Beitrag erfährst du, welche Möglichkeiten du hast ohne direkt ‚bestrafen‘ zu müssen.

Ein Beispiel aus meiner Praxis

Lisa ist mit ihrer Tochter Jana, 4 Jahre alt, bei einer befreundeten Mutter zu Besuch. Jana spielt mit Lukas, 5 Jahre alt, dem Sohn von Mutter Gabi. Nach einer Weile bietet Gabi den Kindern etwas zu trinken und ein Stück Kuchen an.

Beide Kinder freuen sich. Jana besteht darauf, das größere Stück Kuchen zu bekommen. Gabi erklärt, dass beide Stücke Kuchen gleich groß sind und gibt jedem Kind einen Teiler. Lukas freut sich, fängt an zu essen. Und Jana fängt an zu schimpfen und zu schreien! Sie will unbedingt das Stück Kuchen haben, was Lukas schon halb verzerrt hat.

Jana regt sich auf, brüllt und schmeißt ihren Teller und das Glas voller Wut um. Die beiden Mütter versuchen das Mädchen zu beruhigen. Aber nichts hilft. Jana ist nicht zu beruhigen. Sie wirft sich auf den Boden und schlägt heftig auf die Mutter ein.

Wie reagiert die Mutter?

Lisa ist verzweifelt, sie weiß nicht, was sie tun soll. Aus lauter Verzweiflung schüttelt sie Jana und schreit zurück. Und ausgerechnet das wollte sie doch gar nicht! Aber es passiert. Lisa wollte ihr Kind bestrafen, weiß aber nicht wie.

Erst als Lisa ihrer Tochter verspricht, nachher ein Eis für sie zu kaufen, beruhigt sie sich langsam. Der Besuch bei der befreundeten Mutter dauerte nicht mehr lange. Jana drängt darauf zu gehen, sie will ‚jetzt‘ ihr Eis haben.

Kurz darauf verlässt Lisa mit ihrer Tochter die befreundete Mutter. Kommt dir so eine oder eine ähnliche Situation bekannt vor?

Was tun, wenn Kinder sich auffällig verhalten

In meinem Beispiel aus der Praxis denkt Lisa viel über Erziehung nach. Sie möchte doch alles richtig machen. Aber was ist das Richtige? Die junge Mutter möchte weder die Tochter schlagen, noch will sie sie anschreien. Aber sie möchte Jana bestrafen und ihr klar machen, dass das Verhalten nicht ok war.

Eltern von heute möchten ein gutes Vorbild sein, sie wollen ihren Kindern Grenzen setzen. Mütter oder Väter möchten gerne Lösungen anbieten und kindgerechte Kompromisse finden. Kinder bestrafen – das wollen Eltern nur sehr ungerne. Und Mütter wollen schon gar nicht so sein, wie ihre eigene Mutter war. Oder Väter, wie ihre Väter.

In Sachen Strafen läuft in so manchen Familien einiges schief. Eltern fühlen sich häufig überfordert. Sie kennen oft die notwendigen Grenzen gar nicht, die sie setzen wollen.

Kinder bestrafen oder belohnen, aber wie?

Was also tun? Diese Art von ‚Belohnung‘, die Jana ihrer Tochter Lisa angeboten hat, war hier vollkommen deplatziert. Das Belohnen stärkt Lisa. Sie glaubt im Recht zu sein. Durch die Belohnung hat sie ein Druckmittel gegenüber ihrer Mutter in der Hand. Und sie spielt es auch sofort aus.

Schläge sind absolut indiskutabel, auch lautes Anschreien hilft nichts. Wichtig ist es, die Nerven zu behalten und Ruhe zu bewahren. Sei du ein gutes Vorbild sein und handele achtsam. Es gibt viele andere Möglichkeiten damit etwas zu tun.

Unangemessene Strafe mit Liebesentzug

Vollkommen unangemessen ist es, dem Kind zu erzählen, dass Mama oder Papa es nicht mehr liebhaben. Nur weil die Eltern möchten, dass das Kind aufhört mit dem Ärger machen.

Diese und ähnliche Arten von demütigem Verhalten gehören in die Mottenkiste der heutigen Pädagogik. Sowie jede weitere Möglichkeit von Schlechtmachen, nicht mehr mit dem Kind reden, aussperren oder isolieren. Kinder bestrafen – sicherlich nicht so!

Liebesentzug ist traumatisierend und erzeugt Angst

Alles das ist eine Art ‚Liebesentzug‘ und macht den Kindern Angst. Die Angst nimmt dem Kind den Mut und das Selbstbewusst sein so zu sein, wie es ist. Das Kind fängt an sich ‚anzupassen‘, um der Strafe zu entgehen.

Es fühlt sich nicht richtig, falsch am Platz. Denn wenn Mama und Papa es nicht mehr liebhaben, ist es ja offenbar schuldig. Folglich muss das Kind etwas verändern. Und das ist manipulativ und aus heutiger pädagogischer Sicht der vollkommen falsche Ansatz.

Reagiere flexibel und feinfühlig

Die dauerhafte Gratwanderung von Strenge und Machen lassen, was das Kind will, ist oftmals schwierig. Und es gibt kein Patentrezept.

Jedes Kind ist anders, jede Mutter und jeder Vater ist anders geprägt. Die Situation ist ebenfalls unterschiedlich. Das alles macht es recht komplex.

Verzweifele nicht, bleibe verständnis- und liebevoll.

Kinder bestrafen - Anja Josten

Konsequent sein heißt das Zauberwort

„Ihr müsst als Eltern konsequent sein“, so heißt es bei Erziehern und Lehrern oft. Das Wort ‚Strafe‘ wird bewusst vermieden. Doch immer wieder finden die unausgesprochenen Strafen ihren Weg im Alltäglichen. Sie drücken sich nur anders aus.

Das kann beispielsweise die sozusagen ‚bewusste Auszeit‘ in der Kita sein, die an eine ähnliche beschämende Form der Erziehung von früher erinnert. Das Kind wurde früher öfter in-die-Ecke-gesetzt oder gestellt. Auch in der Schule war das oft an der Tagesordnung.

Bei aggressivem Verhalten oder sehr verzweifelten Kindern kann eine Auszeit in einem extra Raum gut sein. Aber das Kind darf sich nicht ausgeschlossen fühlen. Es kann die Zeit nutzen, sich zu beruhigen, auch mit Hilfe von einer Erzieherin beispielsweise. Wichtig ist, mit ihm darüber zu sprechen und es nicht einfach ‚abzuschieben‘.

Kinder bestrafen – aber nicht klein machen. Das fördert nur die innere Wut des Kindes und mindert das Selbstbewusstsein.

Gewalt – weder körperlich noch seelisch

Eine weitere Form von körperlicher Strafe ist der kleine Klaps auf den Po, der ‚ja bisher niemandem geschadet‘ hat. Das ist ein weiteres no-go. Und jede weitere Handlung von demütigem oder beschämendem Verhalten. Jede Form von Gewalt ist heute untersagt – das sollten alle Eltern wissen.

Liebe Eltern, vergesst aber bitte eines nicht: Gewalt findet nicht nur körperlich statt! Die ‚seelische Gewalt‘ oder der ‚seelische Missbrauch‘ ist eine häufige Art wie Gewalt sich manchmal ausdrückt in Familien.

Folgendes rate ich dir zu beachten

Sei konsequent und überlege vorher, was du tust! Handele nicht vorschnell, lasse dir Zeit.

Wenn du etwas verbietest, dann überlege vorher, ob du die Konsequenzen aushältst oder nicht. Ich beobachte oft bei meinen Eltern, dass es nämlich genau an diesem Punkt scheitert. Dem Kind wird etwas angekündigt – und die Eltern halten es nicht ein. 

Kinder bestrafen, aber wie? Nicht jede konsequente Haltung ist eine Art von Misshandlung. Es geht vielmehr um Grenzen, die du als Elternteil setzen darfst. Durch konsequentes Handeln merken Kinder genau, dass es Grenzen gibt. Die Kinder respektieren Grenzen, sie fordern sie oft sogar ein.

Sinnvolle Strafen

Es gibt auch sinnvolle ‚Strafen‘, die Eltern mit gutem Gewissen einsetzen können. Diese Strafen müssen angemessen (Alter, Situation), so gerecht wie möglich und für das Kind leicht nachvollziehbar und umsetzbar sein. Und ohne jegliche Form von Gewalt – das ist selbstverständlich.

Weitere interessante Artikel über Erziehung findest du auch in meinem Blog. Oder schaue dich auf meinem YouTube Kanal um.

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